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Tarifrunden 2012

Bei den Löhnen wird wieder kräftig zugelangt

Von Stefan von Borstel
Veröffentlicht am 25.05.2012Lesedauer: 4 Minuten
Lohnabschlüsse in der Metall- und Chemiebranche
Lohnabschlüsse in der Metall- und Chemiebranche
Quelle: Infografik WELT ONLINE

In den Tarifverhandlungen bei der Metall- und Chemiebranche wurde nicht nur um Prozente gefeilscht. Die Arbeitgeber setzen flexiblere Arbeitszeiten durch, die Gewerkschaft den demografischen Faktor.

Der Finanzminister dürfte zufrieden ein. "Es ist in Ordnung, wenn bei uns die Löhne aktuell stärker steigen als in allen anderen EU-Ländern", hatte Wolfgang Schäuble mitten in der heißen Phase der Tarifverhandlungen in Metall und Chemieindustrie gesagt.

Die Tarifparteien nahmen den Minister beim Wort. Gewerkschaften und Arbeitgeber in der Metall- und Elektrobranche einigten sich auf ein Lohnplus von 4,3 Prozent, die stärkste Tariferhöhung in der Branche seit 20 Jahren. In dieser Woche legte die Chemieindustrie mit 4,5 Prozent noch zwei Zehntelpunkte drauf – allerdings bei einer Laufzeit von 19 Monaten, deutlich länger als die Metaller mit 13 Monaten. Aufs Jahr gerechnet steigen die Löhne in der Chemiebranche damit nur um knapp drei Prozent.

Die letzte große Lohnrunde des Tarifjahres 2012 ist damit unter Dach und Fach. Im Frühjahr hatte Ver.di für die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen 6,3 Prozent erstritten, bei einer langen Laufzeit von 24 Monaten.

Nach den drei großen Abschlüssen steht fest: Die Jahre der Lohnzurückhaltung sind vorbei. Der Lohnzuwachs in der Gesamtwirtschaft wird 2012 deutlich höher ausfallen als im vorigen Jahr. Die Commerzbank rechnet mit einem Plus von drei Prozent, verglichen mit 1,9 Prozent 2011.

Abschlüsse für ein Drittel aller Beschäftigten

Allerdings erfasst die Tarifrunde 2012 nur rund ein Drittel aller Beschäftigten. Für die anderen gelten noch Tarifverträge, die im Schatten der Wirtschaftskrise 2009 geschlossen worden sind, etwa am Bau, in der Versicherungsbranche oder im Handel. Im kommenden Jahr werden die Löhne noch einmal stärker zulegen, vermutet Eckart Tuchtfeld von der Commerzbank.

Der private Konsum, mittlerweile die Hauptstütze der Konjunktur, dürfte damit weiter gestärkt werden. Eine dramatische Verstärkung des Lohnauftriebs erwartet der Commerzbank-Analyst in den nächsten Jahren nicht: Denn der Zuzug von Arbeitnehmern aus Osteuropa dürfte die Lohnzuwächse begrenzen.

Kehrseite der Medaille: Wenn die Löhne hierzulande stärker steigen als bei den europäischen Nachbarn, verlieren die deutschen Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit. Hinzu kommen – so Tuchtfeld – "schleichende Rückschritte bei Flexibilisierungen des Arbeitseinsatzes". Dies dürfte die Produktionskosten dauerhaft erhöhen.

Gemeint ist damit in erster Linie die IG Metall und ihr Kampf gegen die Zeitarbeit, die von den Unternehmen als flexibles Personalinstrument genutzt wird. Die Gewerkschaft konnte in den Tarifverhandlungen mit den Metallarbeitgebern erreichen, dass Zeitarbeiter spätestens nach zwei Jahren Einsatz im Betrieb fest übernommen werden.

Wochenarbeitszeit von 40 Stunden möglich

In parallelen Verhandlungen mit den Arbeitgebern der Zeitarbeitsbranche setzte die IG Metall zudem Branchenzuschläge von bis zu 50 Prozent für Leiharbeiter durch. Im Gegenzug erhalten die Metallarbeitgeber aber mehr interne Flexibilität: Wenn der Einsatz von Zeitarbeitern in Verhandlungen mit dem Betriebsrat beschränkt wird, kann die Arbeitszeit für einen Teil der Beschäftigten auf 40 Stunden verlängert werden.

Auch in der Chemieindustrie wurde eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 40 Stunden ermöglicht. Die IG BCE und die Arbeitgeber vereinbarten einen "Demografie-Korridor", mit dem die Wochenarbeitszeit zwischen 35 und 40 Stunden schwanken kann, "wenn dies aus demografischen Gründen geboten ist". Bislang war eine Abweichung von der Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden vor allem bei wirtschaftlichen Problemen erlaubt.

Nun kann der Arbeitszeitkorridor auch genutzt werden, um personelle Engpässe zu überwinden. Arbeitnehmern wiederum ermöglicht der Korridor eine zeitliche Entlastung in bestimmten Lebensabschnitten, etwa wenn Angehörige gepflegt werden sollen. Hinzu kommt eine Vier-Tage-Woche für Schichtarbeiter ab 60 Jahren. Damit sollen gleitende Übergänge in den Ruhestand ermöglicht werden.

Demografiewandel wird berücksichtigt

Um die Einkommen stabil zu halten, sollen sie allerdings in den Jahren davor mehr arbeiten. In der Chemieindustrie müssen Schichtarbeiter ab 55 Jahren derzeit nur 34 Stunden arbeiten, die anderen Beschäftigten ab 57 Jahren 35 Stunden. Vorteil für die Unternehmen: Sie erhalten zunächst mehr Arbeitszeitkapazität.

"Vor dem Hintergrund der alternden Gesellschaft sorgen wir zusammen für den dringend notwendigen Mentalitätswandel bei der Arbeitszeit", erklärte Chemiearbeitgeberpräsident Eggert Voscherau. Schon vor vier Jahren hatten die Chemietarifpartner einen Tarifvertrag "Lebensarbeitszeit und Demografie" abgeschlossen. Denn der demografische Wandel hat die Chemiebetriebe voll erfasst. Allein in den letzten zehn Jahren stieg der Anteil der über 50-Jährigen in der Branche von 22 auf 30 Prozent.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt lobte den Abschluss als "tarifpolitisch bedeutendes Signal", das für andere Branchen Vorbildcharakter haben sollte. Als nächstes dürfte die Metallindustrie anstehen: In ihrem Tarifvertrag verpflichteten sich IG Metall und Gesamtmetall auch, Verhandlungen "über altersgerechte, differenzierte und flexible Arbeitszeitmodelle unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung" zügig in Angriff zu nehmen.


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