"Ein Autogramm auf die Brüste der Polizistin"
Micha Rhein und Sebastian Lange, Sänger und Gitarrist der Band In Extremo, über die merkwürdigen Fan-Wünsche in Mexiko, eine Heavy-Metal-Kreuzfahrt auf die Kaiman-Inseln und den langen Bart der DDR.
Seit der Bandgründung vor mehr als 15 Jahren geht es für die sieben Herren von In Extremo stetig aufwärts – mit den Alben "Sängerkrieg" und "Sterneneisen" schafften sie es bis an die Spitze der Albumcharts. Kürzlich erschien nun die Biografie "Wir werden niemals knien", am 25. Mai veröffentlicht die Band die DVD "Sterneneisen Live". Ein Gespräch mit Sänger Micha Rhein und Gitarrist Sebastian Lange in einem Berliner Restaurant.
Welt Online: Herr Rhein, wann haben Sie zuletzt Flaschen in einem Backstageraum an die Wand geschmissen?
Micha Rhein: Oh, das ist lange her. Ich weiß, was Sie meinen – aber das ist wirklich lange her.
Sebastian Lange: Wenn ich kurz reingrätschen darf: vor einem Jahr im Gasometer in Wien. Da flogen zwar keine Flaschen …
Rhein: … ich glaube, ich habe ein Handy an die Wand geschmissen. Warum genau, weiß ich nicht mehr.
Welt Online: Im Buch jedenfalls ist die Rede davon, dass es durchaus vorkomme, dass nach einem schlechten Auftritt Flaschen an die Wand fliegen.
Rhein: Wenn so eine Band mal ein bisschen was getrunken hat … Ich bin nicht damit einverstanden, wenn du halbbetrunken auf die Bühne gehst. Du versaust dir damit alles. Aber das kommt wirklich selten vor. Wirklich!
Welt Online: Sagen Sie jetzt nicht, das Alter mache selbst Sie beide ruhiger?
Rhein: Je oller, desto doller.
Lange: Ruhiger würde ich nicht sagen, aber wir heben uns die lauten Momente auf und genießen sie dann umso mehr. Wir geben nicht immer nur total Vollgas.
Welt Online: Zum gesetzten Bandalter passend haben Sie kürzlich eine Kreuzfahrt gemacht – eine etwas andere jedoch: ein Heavy Metal Festival auf hoher See. Klingt skurril. Wie skurril war es wirklich?
Rhein: Das war einfach klasse, wie ein großes Familientreffen mit Menschen aus aller Herren Länder. Es war ein respektvolles Miteinander. Das Skurrile war: Wir haben auf den Kaiman-Inseln gestoppt und konnten sechs Stunden an Land. Da kamen also schubweise 1500 schwarz gekleidete Menschen von diesem Kreuzfahrtschiff, auf dem du eigentlich Rentner erwartest, hinunter auf diese Insel.
Lange: Die totale Invasion.
Rhein: Diese Kreuzfahrt war ein Highlight für uns.
Welt Online: Das Buch beginnt, als jeder noch seine eigenen Wege ging. Inwieweit war die Arbeit an der Biografie auch eine Reise in eine längst vergessene Vergangenheit, wenn ich an DDR-Zeiten mit Spielverboten für Ihre früheren Bands und den Stempel "staatsfeindlich" denke?
Rhein: Die Vergangenheit ist passé – für mich ist das wirklich kein Thema mehr. In so einem Buch ist es aber erwähnenswert. Ansonsten hat das Ganze für mich einen langen Bart, das ist mehr als 25 Jahre her, und die DDR gibt es seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Ich bin der Ansicht, dass irgendwann mal ein Schlussstrich gezogen werden sollte. Es ist doch eigentlich fast jedem so ergangen, dass dich mal ein Polizist mitgenommen hat.
Welt Online: Ihnen auch, Herr Lange?
Lange: Ja, auch ich wurde mal zu meinen wilden Zeiten von der Volkspolizei angehalten, um meinen Ausweis zu zeigen – beziehungsweise wurden wir bei Punk-Indie-Konzerten auch mal in einer Polizeiwanne vom Veranstaltungsort abtransportiert. Das war natürlich ziemlich albern. Ich sehe das genauso wie Micha. Das Thema sollte man nun endlich ruhen lassen.
Welt Online: Der Titel des Buches passt bestens zu der Zeit vor der Wende – aber auch zu Kapiteln aus den Jahren danach.
Rhein: Uns wurden viele Knüppel in den Weg gelegt, aber wir haben sie nie akzeptiert. Es können ruhig alle Leute im Musikbusiness wissen, dass es Firmen gibt, die Musiker – besonders kleine Bands – um Existenzen betrügen.
Welt Online: Wer oder was könnte Sie denn in die Knie zwingen?
Beide: Krankheiten.
Lange: Oder Glück. Was soll uns sonst in die Knie zwingen außer Krieg und Krankheit? Im Musikgeschäft kann uns nichts mehr in die Knie zwingen. Wir gehen seit Jahren unseren eigenen Weg und werden ihn konsequent weiter gehen. Wobei wir nicht wissen, welcher Weg das ist. Das findet sich bei uns immer. Wir verstehen uns als Band auch nach all den Jahren immer noch gut, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Bands schlagen sich irgendwann die Zähne aus.
Welt Online: Ihre Kauleiste sieht noch recht gesund aus.
Lange: Na, zum Glück!
Rhein: Und wenn jemand versucht, uns in die Knie zu zwingen, stehen wir dennoch aufrecht. Klingt abgedroschen, aber so ist es.
Welt Online: Sie sagten eben, Ihr Weg als Band findet sich einfach. Das klingt auch ein bisschen nach Chaos. Wie groß ist es?
Lange: Wir sind schon leicht chaotisch. Wir legen immer los, schmeißen alles in einen Topf, rühren um und schauen, was unten dabei heraus kommt. So ein Chaos ist normal bei all den eigenständigen Typen, die wir sind – jeder ist speziell und anders.
Rhein: Und das wird immer schlimmer!
Lange: Und trotzdem finden wir in diesem globalen In-Extremo-Chaos immer eine straighte Linie, die sich irgendwann heraus kristallisiert. Strukturierte Chaoten irgendwie.
Welt Online: Eine leichte Anmutung von Chaos scheinen Sie als Band in Mexiko-City zu verbreiten.
Rhein: Wir waren eine Weile nicht dort, sodass 3000 bis 4000 Fans zu unserem Konzert Anfang des Jahres kamen. Ich stieg aus dem Bus, wollte zum Gelände – aber das war nicht möglich. Der Wahnsinn! Das Konzert war der Hammer, aber die Technik hatte eher etwas von Kraut und Rüben. Da hat keiner durchgeblickt.
Welt Online: Aber Sie lachen.
Lange: Technisch war es der Super-Gau. Wenn du aber in die Gesichter der Mexikaner blickst, zählt das nicht mehr. Viele haben jahrelang gewartet – dann ist alles andere egal.
Welt Online: Sehr unterhaltsam ist im Buch die Anekdote von einem früheren Konzert in Mexiko. Wie oft sonst haben Sie schon einer Polizistin ein Autogramm gegeben, Herr Rhein?
Rhein: … ein Autogramm auf die Brüste! Diese Situation ist natürlich hängen geblieben. Die Polizistin hatte eine schusssichere Weste an, knöpfte sie auf und schob alles hoch. Ich hatte in der rechten Hand den Edding und in der linken ihre Pumpgun – ich hätte abdrücken können.
Welt Online: Noch einen Wein, die Herren?
Beide: Lieber einen Klaren?
Lesung & Kurzkonzert: 31. Mai Berlin/Dussmann, 7. Juni München/Backstage Halle
Konzerte: 2. Juni Dessau, 9. Loreley/Metalfest, 25. Juni Gelsenkirchen/Blackfield Festival, 15. Juli Freiburg/Zeltfestival, 20. München/Tollwood Zeltfestival, 21. Esslingen, 3. August Wacken/W:A:O,
10. Chemnitz, 12. Hildesheim/M’era Luna Festival, 17. Alsfeld/ Ehrlich und Laut Festival